Mit dem weltweiten Rollout von Copilot Cowork und Funktionen wie dem Model Council vollzieht Microsoft eine fundamentale Transformation zur herstellerunabhängigen Multi-Modell-Plattform. Für Unternehmen bedeutet das ein böses Erwachen bei der nächsten Rechnung – wenn Tokenomics und Modellbewertung jetzt nicht Teil der IT-Compliance werden.
Ein Vertriebsleiter lässt Copilot Cowork über ein stockendes Pipeline-Projekt laufen. Ergebnis: eine Rangliste gefährdeter Deals inklusive der genauen Anschlussmaßnahme, die irgendwo im Verlauf liegengeblieben war – ein Vorgang, für den ein Team zuvor eine ganze Woche manueller Recherche gebraucht hätte. Ein Ingenieursteam bringt Cowork bei, Batch-Job-Tabellen selbständig zu pflegen und nach jeder Änderung automatisch Abhängigkeits-Diagramme zu erzeugen (Microsoft 365 Blog). Genau solche Geschichten erzählt Microsoft seit dem 16. Juni 2026, dem Tag, an dem Copilot Cowork weltweit allgemein verfügbar wurde.
Ich habe in meinem letzten Beitrag zu KI-Modellbewertung und Tokenomics bereits dargelegt, warum Token-Ökonomie längst kein reines IT-Thema mehr ist, sondern ein Compliance-Pflichtprogramm. Mit dem GA-Rollout von Cowork wird dieser Befund noch dringlicher. Was das für Ihre IT-Governance konkret bedeutet, ordne ich im Folgenden ein.
Was Cowork wirklich ist – und wer tatsächlich dahintersteckt
Copilot war bislang im Kern ein Chat-Assistent: Er beantwortete Fragen, entwarf Texte, fasste Dokumente zusammen. Cowork ist etwas anderes. Nutzer beschreiben ein gewünschtes Ergebnis, und Cowork verwandelt diesen Auftrag in einen Plan, der eigenständig – auch bei ausgeschaltetem Laptop – in der Cloud weiterläuft: E-Mails sortieren, Termine abgleichen, unternehmensweit über SharePoint recherchieren, Excel-Marktanalysen erstellen, Präsentationen entwerfen (GA-Ankündigung; Demo-Video von Microsoft Mechanics).
Bemerkenswert dabei: Beim Marktstart läuft Cowork in erster Linie auf Anthropic-Modellen, konkret auf Claude Opus 4.8 und Sonnet 4.6, während OpenAIs GPT 5.5 zunächst nur über das Frontier-Vorabprogramm verfügbar ist. Ein eigenes, günstigeres Microsoft-Modell namens „Cowork 1“ für alltägliche Standardaufgaben ist laut Berichterstattung bereits angekündigt (Redmondmag). Das ist mehr als eine technische Fußnote: Microsoft hat den autonomen Kern seiner wichtigsten neuen Agenten-Plattform nicht mit dem eigenen Partner OpenAI gebaut, sondern zunächst mit einem Drittanbieter. Das unterstreicht die These, die auch die WirtschaftsWoche und das Handelsblatt zuletzt beschrieben haben: Microsofts KI-Exklusivbeziehung zu OpenAI gehört der Vergangenheit an, Office wird zur Multi-Modell-Plattform.
Die Zahlen zur Adoption zeigen, warum das Thema für Unternehmen jetzt akut wird: Nach nur drei Monaten im Frontier-Vorabprogramm setzt bereits mehr als die Hälfte der Fortune-500-Unternehmen auf Cowork, darunter Accenture, Avanade und Zurich Insurance. Power-User verknüpfen laut Microsoft teils mehr als 150 Skills in einer einzigen Aufgabe und lassen wöchentlich über 500 Tasks laufen (Microsoft 365 Blog).
Wichtiger Hinweis Stand 07.07.2026
Für Kunden innerhalb der EU-Boundry sind Anthropic Modelle derzeit „by deflault“ deaktiviert.
Wenn diese Anthropic-KI-Modelle aktiviert sind, verarbeiten sie Kundendaten außerhalb der FedRAMP-zertifizierten US-Regierungs-Cloud von Microsoft. Sie sollten prüfen, ob die Aktivierung dieser Einstellung mit den Anforderungen Ihrer Organisation an den Umgang mit Daten vereinbar ist.
Wer im Unternehmen welchen Agenten braucht
Für die Einführungsstrategie lohnt sich ein Blick darauf, wer im Unternehmen überhaupt wie mit Cowork arbeiten wird. Microsoft hat aus der Frontier-Nutzung vier typische Nutzerprofile mit jeweils eigenen Bedürfnissen abgeleitet (Microsoft 365 Blog):
COPILOT COWORK · NUTZERTYPEN IM UNTERNEHMEN
Vier Profile, vier unterschiedliche Agenten-Bedarfe
Wissensarbeiter im Unternehmen
- Wechselnde Prioritäten
- Hohes E-Mail-/Chat-Aufkommen
- Erstellt Dokumente, Präsentationen, Tabelle
Typischer Agent
Status-Updates, Ablage, Dokumentenerstellung
Management & Führungskräfte
- Kalender geprägt von wichtigen Meetings
- Entscheidet mehr, als selbst zu erstellen
- Braucht Kernpunkte, Risiken, Empfehlungen
Typischer Agent
Briefings, Risiko- und Entscheidungsvorlagen
Wissensarbeiter mit Kundenkontakt
- Balanceakt zwischen den Anforderungen externer Kunden und interner Teams.
- Organisiert nach Kundenkonten (Accounts), nicht nach Projekten.
- Tief verankert in der Historie der jeweiligen Kundenbeziehung.
Typischer Agent
Kunden-Briefings, Account-Zusammenfassungen
Technische Fachkräfte
- Benötigen längere, ungestörte Phasen für konzentriertes Arbeiten (Deep Work).
- Entwickeln Code, Designs oder technische Systeme.
- Arbeiten meist außerhalb der klassischen Office-Anwendungen.
Typischer Agent
Pflege von Diagrammen, Batch-Jobs, Dokumentation, Coding
Eigene Darstellung auf Basis der im Microsoft 365 Blog beschriebenen vier Nutzerprofile.
Diese Typisierung ist mehr als eine Marketing-Folie: Sie ist der praktische Ausgangspunkt für die Freigabeentscheidung. Wer Cowork unternehmensweit ausrollt, ohne vorher zu klären, welche Nutzergruppe welche Agenten-Skills, welche Datenquellen und welches Kostenbudget benötigt, verschenkt genau die Steuerungsmöglichkeit, die im nächsten Abschnitt zum entscheidenden Hebel wird.
Die Tokenomics-Falle: Wenn autonome Arbeit zur variablen Rechnung wird
Bislang war die Kalkulation simpel: eine Lizenzgebühr pro Nutzer und Monat, fertig. Mit Cowork endet dieses Modell. Da autonome Denkleistung enorme Rechenkapazität benötigt, führt Microsoft ein zusätzliches, nutzungsbasiertes Abrechnungsmodell ein: Copilot Credits, abgerechnet im Pay-as-you-go-Verfahren zu 0,01 US-Dollar je Credit oder über vorab gebuchte Kontingente – zusätzlich zur bestehenden Microsoft-365-Copilot-Lizenz (Microsoft Learn).
Wie schnell sich das summiert, hat Microsoft selbst anhand von drei Aufgabentypen aus dem Frontier-Testbetrieb kategorisiert:
COPILOT COWORK · KOSTENLOGIK IM ÜBERBLICK
Drei Aufgabentypen, drei Kostenklassen
Stufe 1
Light Task
Wenige Quellen, einfache Logik, ein Ergebnis oder weniger
BEISPIEL
Wöchentliches Status-Update aus Kalender und Prioritäten zusammenstelle
GESCHÄTZTE COPILOT CREDITS
100–300
Stufe 2
Medium Task!
Mehrere Quellen, strukturierte Auswertung, zwei oder mehr Ergebnisse
BEISPIEL
„Kundengespräch anhand von E-Mails, Terminen und Dateien vorbereiten.“
GESCHÄTZTE COPILOT CREDITS
300–700
Stufe 3
Heavy Task!
Breite Datenaggregation, tiefgehende Auswertung, viele Ergebnisse
BEISPIEL
„Sechs Monate Produktnutzungsdaten auswerten und Report erstellen.“
GESCHÄTZTE COPILOT CREDITS
> 700
Eigene Darstellung auf Basis der Angaben im Microsoft 365 Blog zur GA-Ankündigung.
Zum Vergleich: Schon eine einzelne komplexe Recherche- und Erstellungsaufgabe – etwa ein Projektansatz mit Gap-Analyse und mehreren Iterationsschleifen – kann schnell über 700 Credits verbrauchen, also 7 US-Dollar allein für eine Aufgabe. Bei mehreren hundert Aufgaben pro Woche und Nutzer wird daraus schnell ein spürbarer Posten. Dass dieses Kostenrisiko kein Einzelfall ist, zeigen aktuelle Berichte über Unternehmen, die ihre KI-Ausgaben inzwischen aktiv drosseln (The Economist; Forbes).
Zusätzlich brisant: Ein Mitarbeiter erfährt die tatsächlichen Kosten häufig erst während oder nach der Ausführung. Ohne vorherige Leitplanken bleibt das Risiko eines Kontrollverlusts über das IT-Budget bestehen. Warum diese Token-Ökonomie ein regulatorisches Pflichtprogramm und kein reines IT-Thema ist, habe ich in meinem Grundlagenartikel ausführlich beleuchtet.
Strategischer Befreiungsschlag: Multi-Modell statt OpenAI-Monopol
Die verbrauchsbasierte Abrechnung hängt unmittelbar mit einer zweiten strategischen Neuausrichtung zusammen: Microsoft öffnet Azure zunehmend als modellagnostischen „Router“, der je nach Aufgabe zwischen Modellen verschiedener Anbieter wechselt. Am deutlichsten zeigt sich das aktuell nicht in Cowork selbst, sondern im Copilot-Researcher-Agenten:
Critique (Vier-Augen-Prinzip)
Ist Anthropic im Tenant freigeschaltet, ist Critique der Standardmodus in Researcher. Ein GPT-Modell erstellt den ersten Entwurf, ein Claude-Modell prüft anschließend Fakten, Zitate und Vollständigkeit, bevor der Bericht ausgeliefert wird (Microsoft Support).
Model Council
Dieselbe Anfrage läuft parallel durch mehrere Deep-Reasoning-Modelle (GPT und Claude). Ein drittes „Richter“-Modell fasst zusammen, wo sich die Berichte decken, wo sie widersprechen und was jedes Modell zusätzlich beisteuert (Microsoft Support).
Beide Funktionen sind nicht einfach aktiv, sondern erfordern eine ausdrückliche Freigabe von Drittanbieter-Modellen im Admin Center sowie in der Regel eine entsprechende Lizenz – ein Punkt, der für die spätere Haftungsfrage entscheidend ist.
Mit Blick nach vorn lohnt sich zudem ein Blick auf mögliche Open-Weight-Alternativen: Nach Berichten von Axios prüft Microsoft derzeit, ein feinabgestimmtes DeepSeek-V4 oder ein anderes Open-Source-Modell als günstigere Alternative zu den aktuell in Cowork eingesetzten Anthropic- und OpenAI-Modellen anzubieten. Sollte Microsoft sich dafür entscheiden, wäre ein solches Modell für Kunden optional und vollständig auf Azure gehostet, inklusive der gewohnten Azure-Sicherheits-, Compliance- und Datenresidenzkontrollen (Axios). Ein produktiv nutzbares DeepSeek-Angebot existiert in Cowork damit derzeit noch nicht – für die Modell-Governance sollten Unternehmen ein solches Szenario aber schon jetzt mitdenken, nicht zuletzt wegen der geopolitischen Implikationen eines chinesischen Modells im Enterprise-Einsatz.
Die neuen Compliance- und Haftungsrisiken
Aus rechtlicher und regulatorischer Sicht wirft diese Multi-Modell-Welt drei zentrale Fragen auf:
Datenschutz & Tenant-Grenzen
Drittanbieter-Modelle wie Anthropic müssen explizit im Admin Center freigeschaltet werden. Wer das unreflektiert tut, öffnet eine zusätzliche Datenweitergabe-Strecke, die DSGVO-konform dokumentiert sein muss
Haftung bei Falschberatung
Widersprüchliche Model-Council-Ergebnisse erschweren die Rückverfolgbarkeit. Entwurfsmodell, Prüfmodell und Richtermodell im Zusammenspiel verstärken das Blackbox-Problem.
Unkontrollierte Budgetfreigaben
Nutzer können eigenständig zusätzliche Credits anfordern. Freigabeprozesse und harte Ausgabenlimits gehören rechtssicher in die IT-Richtlinien.
Governance-Lücke bei GA(General Availability): Data Loss Prevention (DLP) für Cowork ist zum Start noch nicht verfügbar, sondern laut Microsoft erst „coming soon“. Bereits vorhanden sind hingegen Audit-Log, Data Security Posture Management, eDiscovery, Insider Risk Management, Data Lifecycle Management und Communication-Compliance-Richtlinien. Solange die DLP-Lücke besteht, tragen harte Admin-Caps und restriktive Skill-Freigaben umso mehr Gewicht. Ergänzend hat Microsoft für Microsoft Sentinel einen Agent Identities Asset Connector in Public Preview vorgestellt, der Sicherheitsteams mehr Transparenz über die wachsende Zahl autonomer Agenten verschaffen soll (Redmondmag) – ein Werkzeug, das in keiner Cowork-Einführung fehlen sollte.
Handlungsempfehlung: So behalten Sie die Kontrolle
Unternehmen sollten den Rollout von Copilot Cowork nicht dem Zufall überlassen. Drei Schritte sind aus meiner Sicht zwingend:
1.
KI-Richtlinie (AI Policy) anpassen
Betriebsvereinbarungen und Nutzungsrichtlinien müssen agentische Workflows und verbrauchsbasierte Budgets ausdrücklich regeln – inklusive klarer Vorgaben, wer zusätzliche Credits anfordern darf.
2.
Harte Caps im Admin Center setzen
Cowork ist standardmäßig deaktiviert und muss von einem Administrator aktiviert werden. Nutzen Sie diese Ausgangslage, um Ausgabenlimits auf Gruppen- und Nutzerebene zu definieren, bevor Sie den Zugang freigeben – nicht danach.
3.
3. Systematische Modellbewertung durchführen
Prüfen Sie vorab, welches Modell für welchen Use Case innerhalb Ihrer Lizenzen freigeschaltet werden darf – unter Risiko- wie unter Kostengesichtspunkten, und unter Berücksichtigung, dass sich die Modell-Landschaft weiter verändern wird.
Fazit
Die Zukunft der Arbeit ist agentisch – aber sie ist ab dem 1. Juli 2026 endgültig nicht mehr umsonst: Ab diesem Datum läuft für alle Frontier-Tenants, die bislang von der Übergangsfrist profitiert haben, die reguläre, nutzungsbasierte Abrechnung für Cowork an. Wer die Tokenomics nicht versteht, verliert die Kontrolle über seine IT-Kosten. Wer die Modelle nicht bewertet, verliert die Kontrolle über seine Compliance.
Praxis-Werkzeug
KI-Modellbewertungstool für Microsoft 365
Mit meinem Bewertungstool können Sie die einzelnen Modelle innerhalb Ihrer Microsoft Enterprise-Lizenzen systematisch analysieren, Risiken bewerten und die Weichen für eine rechtssichere Governance stellen.
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Michael Eberlein
Rechtsanwalt für Datenschutz, KI & IT-Recht · München
✉ info@eberlein-ra.de
Weiterführend
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Quellen & Weiterführende Links
- Microsoft 365 Blog: Copilot Cowork is now generally available
- Microsoft Mechanics: Claude + GPT – Multi-model intelligence in Copilot
- Microsoft Learn: Usage-based billing overview – Copilot Credits
- Microsoft Support: Model Choice in Researcher / Model Council
- Axios: Microsoft Copilot Cowork „tokenmaxxing“
- Redmondmag: Microsoft Makes Copilot Cowork Generally Available Worldwide
- WirtschaftsWoche: Microsofts neue KI-Strategie – offene Beziehung mit ChatGPT, Claude & Co.
- Handelsblatt: Microsoft erweitert Office-Produkte um KI-Tools von Anthropic
- The Economist: Companies are scrambling to curtail soaring AI costs
- Forbes: AI costs more than the people it replaced

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